FAVELAS VON RIO DE JANEIRO: WIE GEFÄHRLICH IST ES WIRKLICH?

4. Dezember 2016

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Das noch ärmere Viertel in Rocinha.

Die Favelas von Rio de Janeiro. Eine der gefürchteten Stadteile, nicht nur in Brasilien, sondern weltweit. Tägliche Bandenkriege, Raubüberfälle, Vergewaltigung, Elend und Leid. Keine Perspektive auf ein besseres Leben begleitet viele Einwohner, die in diesen Stadtvierteln ihren Alltag meistern.

Während meinem Aufenthalt in Rio de Janeiro lies ich mir die Möglichkeit nicht entgehen um mich davon zu überzeugen, wie es wirklich vor Ort ist. Teilweise hat sich mein Bild sogar stark zum positiven verändert. Ein authentischer Einblick abseits vorgefertigter Meinung.

Angst und Vorfreude

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich mit meinem Cousin im Hotel an der Copacabana sass und wir aufgrund nicht ganz idealen Wetterbedinungen nach dem nächsten Abenteuer suchten.

Was ist so typisch Rio, an das man ein Leben lang zurückdenkt?

Wollen wir in die Favelas gehen?

Die Idee, einmal im Leben die Favelas zu besuchen, schwirrte mir schon lange im Kopf. Doch ist es das wirklich wert? Schliesslich habe ich noch so einiges im Leben vor und will nicht unbedingt draufgehen, nur weil ich meine Abenteuerlust nicht stillen kann.

Ich möchte authentisch reisen und nicht bloss das sehen, was mir vorgespielt wird. Ich will das wahre Leben sehen, wie es wirklich manchmal leider ist.

Etwas im Internet recherchiert haben wir gesehen, dass es da draussen wohl auch andere Reiseverrückte gibt, die es ebenfalls nicht lassen konnten und die berühmt berüchtigten Favelas von Rio de Janeiro besucht haben.

Ein paar Klicks später war auch unser Trip gebucht. Rocinha, die grösste Favela Brasiliens sollte es sein.
Irgendwie hat man sich gefreut, irgendwie hatte man doch ein komisches Gefühl im Magen. Viel zu wenig positives hört man über die Armenviertel, sodass eine zweifellos Vorfreude irgendwie schwierig ist.
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Die Engel-Graffiti befinden sich auf vielen Wänden in Rocinha.

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Engel stehen als Symbol für Licht. Licht in die Dunkelheit.

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Der Superman darf auch nicht fehlen. Der ist übrigens rechts im Bild.

Bom dia Rocinha

Auf dem Weg vom schönen Copacabana nach Rocinha spielte sich ein Wechselbad der Gefühle ab.
  • Warum machen ich das überhaupt?
  • Wie gefährlich ist es wirklich?
  • Was passiert heute alles?
  • Was ist an den Vorurteilen dran?
  • Werde ich den heutigen Abend erleben?

Zum Glück ist man mit all den Fragen, die einem im Kopf schwirren, nicht alleine. So ziemlich jeder fragt sich das selbe und doch wird das Abenteuer und das unvergessliche Erlebnis in Kauf genommen.

Angekommen in Rocinha, ist es wild und laut.

Die Favelas sind lebendig. Extrem.

Überall fahren ständig Motorradräder herum, Menschen durchqueren die Strassen und die Autos düsen rauf und runter. Manchmal dachte ich mir, dass das wohl die grösste Todesursache sein könnte.

Oft wird man von dein Einwohnern etwas schräg angeguckt und dennoch passiert einem nichts. Das hängt teilweise auch mit dem zusammen, dass ein Teil der Einnahmen von den geführten Touren an die Gemeinde gespendet wird. Das wiederum ermöglicht den Einwohnern ein besseres Leben.

Das Gefühl, ob es wirklich intelligent ist, sein Smartphone oder die Kamera schnell  mal herauszunehmen um ein paar Fotos zu machen, bleibt den ganzen Besuch über etwas ungewiss.

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Die Favelas vor Rocinha den Hang herunter.

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Die Grenze zwischen Reich und Arm verläuft fliessend.

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Ein kleiner Spaziergang in den Strassen der Favelas.

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Die typischen engen Gassen zwischen den Häusern.

Der Alltag  im Favela

Chaotisch.

Das Wort beschreibt den Alltag in den Favelas wohl am besten.

Die vielen Motorräder, die einen fast überfahren, sind als Taxis unterwegs. Sie fahren ständig rauf und runter und bringen die Einwohner in die reicheren Gegenden oder wieder nach Hause.

All die Häuser, welche meistens aus blossen roten Bausteinen aufeinander gebaut sind, haben oft keine eigene Adresse. Dafür gibt es eine Sammelstelle, die als Postverteiler dient. Hier werden die Briefe und Päckchen abgeholt oder in die weite Welt herausgeschickt.

Die chaotische Bauordnung ist der Tatsache zu verdanken, dass die Einwohner per Quadratmeter zahlen müssen. Um diese Kosten möglichst gering zu halten, wird dann lieber in die Höhe gebaut, um immer noch ein Leben finanzieren zu können.

Viele der Einwohner sind keine wirklichen Einheimischen, die schon seit Generationen in den Favelas leben. Vielmehr sind es oft Menschen, die mal ein besseres Leben in reicheren Vierteln hatten und nun aufgrund persönlichem Schicksal in die Armenviertel umziehen mussten.

Wer erst kurzfristig in die Favelas umziehen musste und vorerst keine eigene Bleibe hat, der findet in speziell eingerichteten Häusern erstmal eine Übernachtungsmöglichkeit, bis man sich etwas zurechtfindet. So muss niemand auf der Strasse übernachten und kann ein einigermassen normales Leben weiterführen.

So normal, wie es möglich ist.

Trotz dem auf den ersten Blick scheinbaren Chaos, haben sich die Einwohner Favelas in vielen Hinsichten gut zurechtgefunden. Auf den Dächern ragen riesige Wassertanks, womit für den alltäglichen Bedarf vorgesorgt wurde. Die Regierung lässt die Einwohner mit der ganzen Infrastruktur etwas auf der Seite liegen, wodurch die Einwohner dazu gezwungen sind, für sich selbst zu sorgen. Ebenfalls überall an den Häuserwänden hängen Satellitenschüsseln, womit für die Unterhaltung am TV und für das Internet gesorgt ist.

Etwas Ablenkung vom Alltag im Favela ist immer willkommen.

Für den Strom sorgen etwa 30% der Einwohner, die restlichen 70% „lehnen“ sich diesen dann aus. Natürlich ohne Bezahlung an die ehrlicheren Bürger, die wiederum 100% der Stromrechnung zahlen müssen und somit doppelt oder dreifach blechen müssen. Eine kleine Matheaufgabe nebenbei.

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Irgendwie funktioniert das dennoch mit der Stromzufuhr.

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Die Stromkabel hängen in den engen Gassen chaotisch herum.

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Auch die Einwohner von Favelas legen Wert auf gepflegtes Aussehen.

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Die Kinder versuchen sich nach der Schule in Capoeira.

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Die Rocinha Favela mit einem Blick aufwärts.

Wie gefährlich ist es wirklich?

Bevor ist zu dem Punkt komme, wie gefährlich die Favelas wirklich sind, möchte ich damit anfangen, was sie überhaupt so gefährlich macht.

Die Bewohner Favelas fühlen sich leider in vielen Hinsichten vom restlichen Staat ausgeschlossen. Wenn du kein Geld hast und die Miete nicht zahlen kannst, wirst du halt schnell mal in eine andere Ecke geschoben, um dort mit anderen ärmeren Menschen deinen Alltag zu meistern.

Wie würdest du dich fühlen, wenn man dich aus der Gesellschaft wegstosst?

Von den ca. 763 Favelas in Rio de Janeiro, sind bloss 220 von der Polizei kontrolliert und dadurch etwas sicherer. Die restlichen werden ohne Polizeimacht alleine gelassen, bzw. vergessen. Leider hängt diese Tatsache auch mit den hohen Kosten zusammen. Wenn man alle Favelas unter Kontrolle haben möchte, müssten noch viel mehr Polizisten ausgebildet werden. Dies hängt mit extrem hohen Kosten zusammen, welcher der Brasilianische Staat verständlicherweise bei seiner aktuellen Lage nicht zur Verfügung hat.

Doch nicht alle Favelas sind so gefährlich, wie sie gerne z. B. im Film „City of God“ präsentiert werden.

Ich möchte hier nichts verschönern. Noch Heute laufen in den nicht von der Polizei kontrollieren Favelas Kinder mit Waffen herum. Noch heute werden in den Armenvierteln Drogen hergestellt und an die Reichen verkauft.

Es ist aber nicht überall so.

Auch in vielen Armenvierteln möchten die Menschen einfach ein möglichst normales Leben führen, ohne jegliche Kriminalität. Einfach wieder einen Anschluss an die Gesellschaft finden und nicht mehr von derjenigen ausgeschlossen werden.

In Rocinha z. B. werden Schulen gebaut, womit für die Kinder und Jungendliche eine Ausbildung ermöglicht wird. Es werden Krankenhäuser gebaut, um für die Gesundheit der Einwohner zu sorgen. Und Schwimmbäder stampfen aus dem Boden, um den Alltag möglichst angenehm zu gestalten.

Viele der Einwohner Favelas wollen bloss ein möglichst normales Leben führen.

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Die Kinder aus dem Favela gehen für eine bessere Zukunft zur Schule.

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Ein Schwimmbad für den kleinen Spass zwischendurch.

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Schnell mal ein Foto mit den Jugendlichen aus dem Favela machen. Check!

Die Perspektiven der Kinder

Beim Vorbeigehen habe ich einen kleinen Jungen für ein Foto gefragt, worauf er völlig sympathisch in die Kamera lächelte und sich fotografieren liess.

Wenn ich mir nur vorstelle, wie das in den Favelas zu und her geht. Was die Einwohner alles durchmachen mussten. Wie die Perspektiven ausschauen. Ob sie jemals in ihrem Leben aus dem Armenviertel herauskommen ist absolut ungewiss und die Chancen sind leider relativ klein.

Auch der kleine Mann hat seine Träume, seine Wünsche, seine eigene Lebensreise, die er gerne antreten würde. Sehr wahrscheinlich wird es ihm wegen den Umständen, in denen er hereingeboren wurde, für immer verwehrt bleiben.

Ich wünsche mir eine Welt, in der jeder seinen kleinen Traum leben kann.

Jeder von uns sollte zu einer besseren Welt beitragen. Wir können sie nicht komplett ändern. Wenn wir aber nur die Welt eines Einzelnen zum positiven verändern, haben wir eine grosse Tat in unserem Leben vollbracht.

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Dieses Bild hat bei mir persönlich etwas bewegt, dass mich noch Heute zum nachdenken verleitet.

Sicherheitstipps für deinen Besuch

Ich kann jedem dazu raten, beim nächsten Besuch in Rio de Janerio mal einen Tagesausflug in die Favelas zu machen. Es ist ein unvergessliches Erlebnis, das einen über das eigene Leben nachdenken lässt. Wie gut wir es eigentlich haben und dafür jeden Tag dankbar sein sollen.

Dennoch möchte ich dir die folgenden Tipps geben, damit du auch wieder Heile zurückkommst:

  • Favelas ohne Polizeikontrolle sind sehr gefährlich. Da werden auch keine Touren geführt und als Tourist hat man dort auch nichts verloren. Nur in den von der Polizei kontrollieren Favelas werden teilweise Touren angeboten.
  • Gehe nie ohne einen vertrauenswürdigen Guide. Selbst in den von der Polizei kontrollierten Favelas wird abgeraten, alleine unterwegs zu sein. Es gibt überall Menschen, welche die Gelegenheit ausnützen könnten.
  • Protze mit deinem materiellen Besitz nicht herum. Lass deine Wertsachen am besten im Hotel. Deine Kamera oder Handy kannst du zur Tour mitnehmen. Packe sie beim herumlaufen lieber in die Hosentasche. Stell dir vor, du wünschst dir was, wirst es dir aber niemals leisten können. Dann reibt es dir jemand ständig unter die Nase. Wenn du in Armut lebst, wärst du vielleicht auch bereit, es in deinen Besitz zu holen.
  • Wenn du aus irgendeinem Grund doch noch alleine in den Favelas unterwegs bist und zum Aufhalten geboten wirst, da tu es auch. Spiel nicht den Helden. Wenn du meinen Rat befolgt hast und keine Wertsachen dabei hast, kann dir auch nicht viel passieren. Die Lebensumstände vieler Menschen treiben einen eher zum Raubüberfall, als zu einem grösseren Verbrechen. Nochmals: Spiel nicht den Helden.

Ich möchte dich mit diesen Tipps vor nichts abschrecken. Der Besuch in den Favelas ist ein unvergessliches Erlebnis und wird dir dein Leben lang im Kopf bleiben. Dennoch ist es vor allem in Ländern wie Brasilien wichtig, mit einer gesunden Portion Vorsicht die Reise zu geniessen.

PS: Hier habe ich meine Tour gebucht. Mit bester Empfehlung.

Warst du schon mal in den Favelas, oder möchtest du mal hin?

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Kommentare

  1. Michelle sagt:

    Hi Igor
    Ein wirklich toller Artikel!
    Wir haben uns damals als wir in Rio waren ebenfalls überlegt eine Favelatour zu machen, hatten dann aber nicht mehr wirklich die Zeit dazu. Dafür waren wir auf Angra dos Reis (was ein absoluter Albtraum war, aber das ist eine längere Geschichte). Jedenfalls würde ich nach deinem Artikel eine solche Tour buchen wenn ich das nächste Mal in Rio bin. 🙂

    • Igor Igor sagt:

      Ich bin mir sicher, die Tour durch die Favelas wirst du lieben, Michelle. Brasilien allgemein bietet einem so viel, wie z. B. Angra dos Reis, das auf den Bildern zumindest traumhaft ausschaut.

  2. Marie sagt:

    Hallo Igor,

    sehr interessante Eindrücke! Rio ist auch so eine Traumdestination von mir und einen Blick in die Favelas würde ich auch gerne mal werfen. Habe mich im Hinblick meines Studiums etwas mit den jüngeren Entwicklungen in den Favelas beschäftigt und in vielen Texten wurde angesprochen, dass einige Favelas in Rio mittlerweile relativ hip werden und sogar die ersten Hostels dort eröffnen. Auch wurden im Vorfeld der WM und der Olympischen Spiele viele Favelas befriedet oder zahlreiche Menschen umgesiedelt und in Randbezirke gedrängt um ein positiveres Bild für die Touristen zu schaffen. Ich finde es auch immer wieder traurig und unfair auf Reisen Menschen zu treffen, die auch gerne die Welt erkunden würden aber es aufgrund ihrer Lebenssituation vermutlich niemals können.

    Liebe Grüße aus Panama
    Marie

    • Igor Igor sagt:

      Schöne Ergänzung meines Artikels, Marie. Danke! Ich bin mir nicht sicher, ob ich unbedingt in ein Hostel in den Favelas gehen würde, aber einen kurzen Trip würde ich jeden empfehlen. Schade, wenn die Leute irgendwo verdrängt werden, nur um ein besseres Bild zu verschaffen. Somit wäre dieses neue Bild ziemlich verfälscht. Hoffe, dass es eher eine Ausnahme, als die Regel ist.

  3. andre sagt:

    In von polizei bewachte favelas ist nun keine kunst. wüsste nicht was daran so gefährlich oder aufregend sein soll.

    • Igor Igor sagt:

      Es war auch nie die Rede vom nächsten Adrenalinkick. Fakt ist, dass viele Menschen gerne mal die Favelas vor Ort erleben würden, sich aber aufgrund dem nach aussen vermittelten Bild nicht trauen und somit die Möglichkeit verpassen.

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